Fallführung, Fallbegleitung und Beistandschaft

„Basierend auf dem Grundsatz, dass alle Platzierungen durch eine externe Fachperson begleitet sein sollten, erfordern Platzierungen immer eine Fallführung“ (Blülle 2013, S. 37). Es lässt sich unterscheiden zwischen vereinbarter und angeordneter Fallführung bzw. Platzierungsbegleitung.

Die Fallführung hat den übergreifenden Auftrag im Prozess der Platzierung und Betreuung mit dem jungen Menschen zusammenzuarbeiten und ihn im Prozess auch zu vertreten. Die genaueren Aufgaben und Rollen der fallführenden bzw. platzierungsbegleitenden Fachpersonen ist jedoch in hohem Mass abhängig von

  • Platzierungsauftrag (angeordnet durch KESB bzw. Jugendstrafbehörde (JStrB) oder nicht angeordnet in verschiedenen Facetten)
  • den jeweiligen kommunalen und kantonalen gesetzlichen Rahmungen, den strukturellen Gegebenheiten und der Ausgestaltung der Leistungsprozesse innerhalb des Dienstes, in dem sie wahrgenommen wird.

Wie sich in der Praxis zeigt, können geringe Stellenprozente pro Mandat – oft pro Fall ein Stellenprozent – wie auch die Position zwischen Auftraggebenden und den jungen Menschen bei den Fallführenden zu Belastungen führen. Immer wieder müssen auch Abstriche in der fachlichen Ausgestaltung gemacht werden. Im Pflegekinderbereich wird deshalb über die Einstellung von Vertrauenspersonen für Pflegekinder diskutiert.

Eine durch die KESB  angeordnete Fallführung ist in der Regel eine Beistandschaft (Art. 308 Abs. 1f. ZGB). Mit dieser Mandatierung wird die Zugangslegitimation des Beistands zum jungen Menschen, dessen Bezugssystem und anderen relevanten Personen und Institutionen sichergestellt.

Im Jugendstrafrecht ist die Fallführung eindeutig der Jugendanwaltschaft (bzw. je nach Kanton dem Jugendgericht) zugeordnet.

Bei nichtangeordneten Platzierungen übernimmt die Fallführung in der Regel eine hierfür spezialisierte Stelle. Kriterien, die gemäss Blülle (2013) auf eine nichtangeordnete oder angeordnete Fallführung schliessen lassen, finden sich hier (Blülle 2013, S. 38))

Der zuständigen Behörde wie auch der mandatierten Fallführung steht es offen für den Entscheid über eine Platzierung und/oder für die Formulierung eines Auftrags weitere Fachpersonen beizuziehen. Diese können entweder die am Fall Beteiligten bereits länger fachlich beraten und begleitet haben (bspw. Schulsozialarbeit, Sozialpädagogische Familienbegleitung) oder ein spezifisches Fachwissen zur vorliegenden Konstellation, zur Problemstellung (bspw. Diagnosegruppe) oder zum Umgang mit akuten Krisen (bspw. Krisengruppe) aufweisen. Wie sich in der Praxis zeigt, ist besonders im Übergang zum Betreuungsprozess dringend zu klären, wer was unter „Fallführung“ versteht, welche Rollen die Fachpersonen nun in Bezug auf Fallführung einnehmen und welche Erwartungen damit im Zusammenhang stehen. Siehe auch: Zusammenarbeit Fachpersonen.

Im Betreuungsprozess müssen auftraggebende sowie die ausführende Stelle in ihren Rollen klar erkennbar sein. Auch die Rolle der Sorgeberechtigten als formal Auftraggebende bei nichtangeordneten Platzierungen ist zu berücksichtigen.

Im Betreuungsprozess ist in der Praxis häufig zu beobachten, dass platzierende Fachpersonen ihre Aufgaben zur Umsetzung einer Platzierung zuverlässig wahrnehmen. Nach der Aufnahme eines jungen Menschen am Platzierungsort wird ihre Rolle aber in vielen Fällen diffuser. Entgegen dem oben genannten Grundsatz, unterbleiben teils Aktivitäten zur Platzierungsbegleitung ganz oder die Fachpersonen ordnen sich der Handlungslogik des Platzierungsortes unter. Das kann dazu führen, dass eine Platzierung und zukünftige Entscheidungen von den Heimen, Dienstleistungsanbietern in der Familienpflege (DAF) oder Pflegefamilien gesteuert werden und der «Grundsatz der Fallführung» unterlaufen wird. Hilfreich zur Reflexion der Strukturqualitäten einer Platzierungsbegleitung ist folgende Auflistung von Blülle (2013) (Blülle 2013, S. 44).

Wie sich in der Praxis zeigt, ist die Frage nach Fallführung bei nichtangeordneten Platzierungen häufig ungeklärt. Entsprechend kann es zur Situation kommen, dass niemand offiziell „den Hut aufhat“ und das Wissen bzw. Entscheidungsgrundlagen transparent und partizipativ zusammenführt. Die gilt es im besten Interesse des Kindes zu verhindern. Weiterführendes und Vertiefendes zur Fallführung im Betreuungsprozess findet sich auch hier: Zusammenarbeit Fachpersonen

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