Kindeswohlabklärung und Bedarfseinschätzung

Bis es zur „Kindeswohlabklärung und Bedarfseinschätzung“ im Auftrag der KESB kommt, waren in den meisten Fällen bereits verschiedene professionelle Akteure involviert. Auch (teil)ambulante Massnahmen kamen davor häufig bereits zum Einsatz. Dieser Schritt steht deshalb immer für eine Zäsur zwischen Prozessen, die eine Kindeswohlgefährdung vermuteten, wahrnahmen und diagnostizierten, und den Prozessen der Platzierung selbst, die darauf folgen. Deshalb werden hier auch Kindeswohlabklärung und Bedarfseinschätzung als Einheit gedacht.
Die bis hierhin und hieran beteiligten Personen und Vorgehensweisen/Instrumente wie auch die festgehalten Informationen prägen den weiteren Verlauf der Platzierung massgeblich mit. Ab hier startet WiF – die Wissenslandschaft Fremdplatzierung, stets mit dem Bewusstsein, dass das Vorher in die weiteren Überlegungen miteinbezogen werden muss.

Siehe auch: Partizipation
Siehe auch: Zusammenarbeit Fachpersonen

Falls es zu einer (angeordneten) Platzierung eines jungen Menschen kommt, stellt die Kindeswohlabklärung und Bedarfseinschätzung eine markante Zäsur dar. Denn die Argumente, die seitens der Behörden (KESB/ Jugendstrafbehörde (JStrB)) für den Entscheid einer Platzierung verwendet werden, basieren massgeblich darauf. Vor allem aus Sicht der jungen Menschen und ihrem Bezugssystem kann dieser Entscheid manchmal auch plötzlich alles nachhaltig verändern. Deshalb kommt den Kindeswohlabklärungsinstrumenten zu Recht auch eine grosse fachliche Aufmerksamkeit zu. Sie teilen den Prozess oft auf in ein davor und ein danach. Zudem abstrahieren sie die Realität und schaffen so stets auch schriftliche Tatsachen für weitere Entscheide.

Die Notwendigkeit fachlich ausdifferenzierter und auf im Einzelfall angewandter Abklärungsinstrumente scheint gerade auch bezüglich der verantwortungsvollen Entscheidungsfindungen deutlich zu sein. Fachlich ist es deshalb zu begrüssen, dass Abklärungsinstrumente, die empirisch abgesichert und transparent eingesetzt werden, zunehmend auch in der Schweiz ausgearbeitet und eingesetzt werden (vgl. „Weiterführende und vertiefende Literatur zu Kindeswohlabklärung und Bedarfseinschätzung“)
Wie sich in der Praxis zeigt, können Fachpersonen in einem starken Fokus auf ein Instrument jedoch auch vergessen, dass zur umfassenden Abklärung und Einschätzung auch Bereiche gehören können, die das verwendete Instrument nicht berücksichtigt. Nicht nur was abgeklärt wird, sondern auch wie die Abklärung durch einzelne Fachpersonen vorgenommen wird, sind entscheidende Faktoren. Auch bei Abklärungsinstrumenten können relevante Wissensbestände vergessen gehen, oder aber andere zu sehr gewichtet werden.
Andererseits kommt es auch vor, dass Abklärungen oder Präzisierungen, die auf die entscheidenden Kindeswohlabklärungen oder Bedarfseinschätzungen folgten, einzelne Ergebnisse kritiklos übernehmen. Das kann dazu führen, dass Veränderungen im Umfeld des Kindes übersehen oder die Zusammenarbeit mit den jungen Menschen und ihrem Bezugssystem vernachlässigt wird, weil man sich auf die Ergebnisse der Kindeswohlabklärung beruft, die zu Beginn des Platzierungsprozesses stand. Viele Instrumente verstehen sich jedoch nicht als statische Faktenlieferanten, sondern als Hypothesenbildner.

Siehe auch: Diagnostik und Abklärung

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