Reflexionsfragen

Reflexionsfragen zu fachlichen Anforderungen

Die nachfolgenden Reflexionsfragen unterstützen eine kritische Auswahl und eine verhältnismässige Anwendung von Instrumenten der Diagnostik und Abklärung.

  • Welcher Auftrag liegt der jeweiligen Diagnostik oder Abklärung zugrunde?
  • Welche Disziplin könnte beim ausgewählten Instrument Vorgehen und Anforderungen definiert haben (Medizin, Psychologie, Soziale Arbeit, Rechtswissenschaft, Pädagogik…)?
  • Welche Perspektive auf junge Menschen nimmt diese Disziplin ein? Welche Vorannahmen?
  • Welche Vorurteile haben Sie gegenüber den unterschiedlichen Disziplinen? Sind diese berechtigt oder vielleicht auch etwas verkürzt?
  • Wie sehr dient die Diagnose auch zur Darstellung oder Legitimation nach aussen?
  • Sehen Sie Ergebnisse und Erkenntnisse aus Diagnostik und Abklärung als objektive Tatsachen? Oder nehmen Sie die Ergebnisse auch als Ausgangslage für weitere kritische Diskussionen, sprich als Hypothese?
  • Wird berücksichtigt, dass die Erkenntnisse stets zeitlich begrenzt sind? Wann werden Abklärungen und Diagnostik wiederholt? Gibt es eine Verlaufsdiagnostik im Interventionsprozess?
  • Wer von den Beteiligten hat die Möglichkeit, die so gesetzten Entscheidungsgrundlagen kritisch zu prüfen und zu hinterfragen? Wird das auch tatsächlich getan?
  • Sind Vorgehen sowie Diagnosen und Abklärungsberichte für alle Beteiligten transparent? Falls nicht: Warum nicht? Aus fachlichen oder pragmatischen Gründen (z. B. fehlende Zeit)?
  • Welche Möglichkeiten bietet das verwendete Diagnose- oder Abklärungsinstrument den jungen Menschen und ihren Bezugssystemen? Können sie „ihre Situation erzählen“, sich einbringen, sich beteiligen?
  • Dienen Diagnostik und Abklärung auch dazu, die Beziehungen zu den jungen Menschen zu gestalten?
  • Hat die Erarbeitung der Diagnose/des Abklärungsberichtes eine Rückwirkung auf die jungen Menschen und ihre Bezugssysteme? Welche?
  • Bieten die Resultate Orientierung und konkrete Anhaltspunkte für die weitere Prozessgestaltung? Oder steht die Diagnose/der Abklärungsbericht eher abgeschlossen für sich alleine?
  • Wozu und wem dient die angestrebte inhaltliche Orientierung (Dimensionen, Abläufe, Kriterien)? Wozu und wem dient sie nicht?
  • In welchem Verhältnis steht der zeitliche Aufwand für Diagnosen und Abklärungsberichte vor der Platzierungswahl zu dem teils schnellen und sehr pragmatischen Vorgehen (wie Kostendeckung, freie Plätze, Routinen, Beziehungen) bei der Auswahl des Platzierungsorts?

Reflexionsfragen zu Bedeutung für die jungen Menschen

  • Wissen die jungen Menschen und ihre Bezugssysteme, dass und weshalb die Diagnostik/Abklärung vorgenommen bzw. Informationen erhoben werden?
  • Wie sehr entstehen Diagnosen und Abklärungsberichte mit den jungen Menschen? Wie sehr berichten sie über die jungen Menschen? Handelt es sich eher um ein standardisiertes oder um ein verstehendes Verfahren?
  • Wie werden Alter, Sprache, Ethnie, Beeinträchtigungen berücksichtigt?
  • Wie können bisherige (positive oder negative) Erfahrungen mit Zuschreibungen durch Fachpersonen eingebracht werden?
  • Wie und wo finden Anhörungen der Kinder und Jugendlichen statt? Durch wen? Wozu? Dient das dem besten Interesse des Kindes?
  • Verschieben akute Ausnahmesituationen eine fachlich sorgfältige und umsichtige Diagnostik oder Abklärung zeitlich nach hinten? Oder kommt es auch vor, dass gewisse Schritte in Krisen vernachlässigt oder vergessen werden?
  • Für wen werden Diagnosen und Abklärungsberichte geschrieben? Für Auftraggebende oder für junge Menschen und ihre Bezugssysteme?    
  • Sind die relevanten Botschaften für alle Beteiligten verständlich?
  • Wie sind die Ergebnisse und Erkenntnisse ausformuliert? Mit wie viel Wissenschafts- und wie viel Alltagsbezug?
  • Wird der Fokus dabei mehr auf Probleme und Defizite oder mehr auf Ressourcen und Möglichkeiten gelegt?
  • Kommt es bei der Vermittlung von Ergebnissen gegenüber den jungen Menschen und ihren Bezugssystemen zur Konfrontation mit Fakten? Oder handelt es sich um eine prozesshafte Vermittlung?
  • Werden die Diagnosen und Abklärungsberichte zusammen mit den jungen Menschen und ihren Bezugssystemen besprochen? Falls ja: Wie? Kann eine möglicherweise belastende Wirkung aufgefangen werden?
  • Verstehen die jungen Menschen und ihre Bezugssysteme sachlich, worum es geht und was es für sie konkret bedeutet?
  • Wird das Recht auf Akteneinsicht beachtet? Oder kann eine uneingeschränkte Akteneinsicht auch negative Konsequenzen für die jungen Menschen oder für die Platzierung haben?

Reflexionsfragen zu Perspektivenvielfalt

Die nachstehenden Fragen dienen dazu, interdisziplinäre Diskussionen anzuregen. Sie beziehen sich auf den Balanceakt, den verschiedenen Perspektiven im interdisziplinären Arbeiten Gewicht zu geben und möglichst "Kontradisziplinarität" zu vermeiden.

  • Sind die beteiligten Fachpersonen bereit, im Sinne einer bestmöglichen Erfüllung des Auftrages zusammenzuarbeiten?
  • Verstehen sich die beteiligten Fachpersonen in Bezug auf Begriffe, Instrumente, Ziele, Haltungen? Wo sind allenfalls Quellen für Missverständnisse (Begriffe, Wertigkeiten, Prämissen)?
  • Wie wird mit Widersprüchen umgegangen? Müssen Widersprüche beseitigt werden?
  • (Wie) Können sich teils stark differierende Wertigkeiten und Methoden bspw. zwischen sozialen und medizinisch-psychiatrischen Diagnosen überhaupt ergänzen? Siehe auch: Kooperation Akteure
  • Wie sehr hängen Einfluss und Auswirkung einzelner Diagnosen/Abklärungsberichte auf den weiteren Fallverlauf von der Auswahl und Umsetzung durch die Fallführung ab?
  • Wie sehr verändert sich die Möglichkeit, die Ausgestaltung des weiteren Verlaufs im Übergang vom Platzierungs- zum Betreuungsprozess (durch die jungen Menschen, die Bezugssysteme, die Fachpersonen) zu beeinflussen? Oder auch nach der Austrittsphase?
  • Wenn eine Perspektive plötzlich mehr oder weniger wichtig wird: Geschieht das im besten Interesse des Kindes oder sind solche Wechsel vor allem strukturbedingt?
  • Dienen umfassende, interdisziplinäre Diagnosen und Abklärungsberichte einer möglichst grossen Absicherung der Entscheidung? Oder einer möglichst wahren Wahrheit? Oder dem Suchen und Finden einer möglichst geeigneten Hilfeleistung oder Intervention für den jungen Menschen?
  • (Wie) Können die Perspektiven aller Beteiligten konstant durch alle Prozessschritte hindurch miteinbezogen werden? Oder gibt es fachliche Gründe, weshalb das gar nicht anzustreben ist? Siehe auch: Partizipation/Zusammenarbeit mit jungen Menschen

Reflexionsfragen zu Auswirkungen

Um sich einzelne Diagnosen und Abklärungsberichte im Verhältnis zum gesamten Verlauf besser vorstellen zu können, ist die Auseinandersetzung mit nachfolgenden Fragen zu Einfluss, Dauerhaftigkeit und Wahrnehmungen hilfreich.

  • Welche Diagnosen und Abklärungsberichte beeinflussen den gesamten Platzierungs- und Betreuungsprozess am meisten? Weshalb?
  • Welche Ergebnisse aus Abklärungen und Diagnostik gehen im Verlauf verloren? Zu Recht?
  • Kann man erkennen, welcher konkrete Auftrag hinter einer spezifischen Diagnostik oder Abklärung steht?
  • Wie ganzheitlich können einzelne Diagnosen im besten Interesse des Kindes zusammengefügt und verwendet werden? Wie sehr bleiben sie nebeneinander stehen?
  • Wie zeitlich begrenzt oder wie dauerhaft sind Erkenntnisse aus Diagnosen und Abklärungsberichten? Wieso? Zu Recht?
  • Bleiben Uneinigkeiten zu Ergebnissen und Erkenntnissen auch nach Übergängen und Schnittstellen im Prozess erkennbar? Oder gibt es zum Beispiel einen Wissensverlust zwischen einzelnen Stellen oder zwischen dem Platzierungs- und Betreuungsprozess?
  • Inwiefern werden Übergänge auch zur kritischen Reflexion der bisherigen Diagnosen und Abklärungsberichte genutzt?
  • Werden alle bisherigen Erkenntnisse (immer wieder) zum konkreten Gegenstand der weiteren Planung? Oder funktioniert die konkrete Planung eher unabhängig vom multiperspektivischen und interdisziplinären Wissen?
  • Wie werden Ziele formuliert und überprüft?
  • Ist man sich der Wirkung bewusst, die bereits das Erarbeiten von Diagnosen und Abklärungsberichten auf die Situation der davon betroffenen Personen hat? Wie geht man mit diesem Bewusstsein um? Wie arbeitet man damit?
  • (Wie) Wird mit den jungen Menschen sowie ihren Bezugssystemen über deren Wahrnehmung von Diagnosen und Abklärungsberichten geredet? Wie wird mit ihnen darüber gesprochen, wie sie denken, dass sich diese für sie weiter auswirken?

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