Bedeutung von Diagnosen & Abklärungsberichten für die jungen Menschen

Diagnose Sub3

Erkenntnisse und Ergebnisse aus Diagnostik und Abklärungen konfrontieren die jungen Menschen und ihre Bezugssysteme immer auch mit (Fremd-)Zuschreibungen und festgehaltenen Tatsachen. Gleichzeitig können für sie die Ergebnisse stets auch mit weitreichenden, realen Konsequenzen verbunden sein. Entscheidend ist deshalb nicht nur die fachliche Ausrichtung der Diagnostik- und Abklärungsinstrumente. Entscheidend ist auch, ob und wie die jungen Menschen und ihre Bezugssysteme bis zum feststehenden Ergebnis die Möglichkeit hatten, sich zu beteiligen, Vorgehen und Bedeutung nachzuvollziehen und Konsequenzen abzuschätzen.

Die Vermittlung von Ergebnissen und Erkenntnissen aus Diagnostik und Abklärungsprozessen kann bei den davon betroffenen Menschen unterschiedliche Reaktionen hervorrufen. Insbesondere wenn Ergebnisse einschneidende Interventionen oder Hilfeleistungen mitbegründen, werden sie sehr bedeutungsvoll.
Wie sich in der Praxis zeigt, können die Reaktionen darauf zwischen Angst und Verärgerung („Die haben ja ohnehin keine Ahnung von mir“), Verinnerlichung („Wenn die das sagen, wird es auch stimmen“) und Instrumentalisierung („Ich spiele ihnen vor, was sie sehen wollen“) liegen.

Die Qualität von Diagnosen und Abklärungsberichten zeichnet sich aber auch dadurch aus, dass sie den jungen Menschen und ihren Bezugssystemen Wiedererkennung ermöglichen. Wiedererkennung führt zum Nachvollzug, Nachvollzug zur Anschlussfähigkeit, und Anschlussfähigkeit allenfalls auch zur Mitgestaltung der weiteren Schritte. Inwiefern und wie das möglich ist, hängt auch stark von der Ausgestaltung der unterschiedlichen Phasen der gewählten Diagnostik und Abklärung im Prozess ab.

Reflexionsfragen

Nachfolgend sind kritische Nachfragen zur beabsichtigten oder unbeabsichtigten Erzeugung von Bedeutungen in der Erhebungs-, Verfassungs- und Vermittlungsphase der Diagnose und Abklärungsberichte aufgeführt:

  • Wissen die jungen Menschen und ihre Bezugssysteme, dass und weshalb die Diagnostik/Abklärung vorgenommen wird?

  • Wie sehr entstehen Diagnosen und Abklärungsberichte mit den jungen Menschen? Wie sehr berichten sie über die jungen Menschen?

  • Handelt es sich eher um ein standardisiertes oder um ein verstehendes Verfahren?

  • Wie werden Alter, Sprache, Ethnie, Beeinträchtigungen berücksichtigt?

  • Wie können bisherige (positive oder negative) Erfahrungen mit Zuschreibungen durch Fachpersonen eingebracht werden?

  • Wie und wo finden Anhörungen der Kinder und Jugendlichen statt? Durch wen? Wozu? Dient das dem besten Interesse des Kindes?

  • Verschieben akute Ausnahmesituationen eine fachlich sorgfältige und umsichtige Diagnostik oder Abklärung zeitlich nach hinten? Oder kommt es auch vor, dass gewisse Schritte in Krisen vernachlässigt oder vergessen werden?

  • Für wen werden Diagnosen und Abklärungsberichte geschrieben? Für Auftraggebende oder für junge Menschen und ihre Bezugssysteme?    

  • Sind die relevanten Botschaften für alle Beteiligten verständlich?

  • Wie sind die Ergebnisse und Erkenntnisse ausformuliert? Mit wieviel Wissenschafts- und wieviel Alltagsbezug?

  • Wird der Fokus dabei mehr auf Probleme und Defizite oder mehr auf Ressourcen und Möglichkeiten gelegt?

  • Kommt es bei der Vermittlung von Ergebnissen gegenüber den jungen Menschen und ihren Bezugssystemen zur Konfrontation mit Fakten? Oder handelt es sich um eine prozesshafte Vermittlung?

  • Werden die Diagnosen und Abklärungsberichte zusammen mit den jungen Menschen und ihren Bezugssystemen besprochen?

Falls ja: Wie? Kann eine möglicherweise belastende Wirkung aufgefangen werden?

  • Verstehen die jungen Menschen und ihre Bezugssysteme, worum es geht und was es für sie konkret bedeutet?

  • Wird das Recht auf Akteneinsicht beachtet? Oder kann eine uneingeschränkte Akteneinsicht auch negative Konsequenzen für die jungen Menschen oder für die Platzierung haben?

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