Perspektivenvielfalt und Interdisziplinarität in Diagnostik & Abklärung

Diagnose Sub5

Viele Fachpersonen und auch viele unterschiedliche Disziplinen sind an Diagnostik und Abklärungen beteiligt. Dies ist nicht nur eine Tatsache aktueller Praktiken. Es verweist auch darauf, dass verschiedene Perspektiven notwendig sind, um der hohen Komplexität zur Sicherstellung des Kindeswohls gerecht zu werden. Die Herausforderung besteht darin, dass platzierende Stellen unterschiedliche Diagnosen und Abklärungsberichte in angemessener Ergänzung zueinander in Beziehung setzen und nutzen, anstatt sie „kontradisziplinär“ gegeneinander auszuspielen.

Abklärungs- und Diagnostikverfahren sind vorzugsweise interdisziplinär aufgestellt. So werden die Bedarfslagen der jungen Menschen (und ihrer Familiensysteme) aus den verschiedenen fachlichen Blickwinkeln (Perspektiven) betrachtet und ein vollständigeres Bild von der Bedarfslage wird möglich. Dabei bleibt das zentrale Ziel, dass alle Beteiligten ein gemeinsames Fallverstehen entwickeln, was ermöglicht, dass neue Entscheidungen für niemanden überraschend gefällt, sondern von allen nachvollzogen werden.

Auf dem Weg dorthin sind aber Diskussionen und kritische Auseinandersetzungen notwendig. Wie sich in der Praxis zeigt, nehmen ansonsten einzelne Fachpersonen oder von der Diagnose und Abklärung Betroffene die Diagnostik- und Abklärungsprozesse teils als „bedrohliche Wahrheitsproduzenten“ wahr. Wenn hingegen Einschätzungen und Begründungen von Entscheidungen kritisch diskutiert werden, können andere Perspektiven eingebracht und abgewogen werden.

Reflexionsfragen

Die nachstehenden Fragen dienen dazu, interdisziplinäre und partizipative Diskussionen anzuregen. Sie beziehen sich auf den Balanceakt zwischen Interdisziplinarität und ‚Kontradisziplinarität‘ sowie auf das Gewicht einzelner Perspektiven im Prozess:

  • Sind die beteiligten Fachpersonen bereit für eine gemeinsame Zusammenarbeit im Sinne einer bestmöglichen Erfüllung des Auftrages?

  • Verstehen sich die beteiligten Fachpersonen in Bezug auf Begriffe, Instrumente, Ziele, Haltungen? Wo sind allenfalls Quellen für Missverständnisse (Begriffe, Wertigkeiten, Prämissen)?

  • Wie wird mit Widersprüchen umgegangen? Müssen Widersprüche beseitigt werden?

  • (Wie) Können sich teils stark differierende Wertigkeiten und Methoden bspw. zwischen sozialen und medizinisch-psychiatrischen Diagnosen überhaupt ergänzen? siehe auch: Zusammenarbeit Fachpersonen

  • Wie sehr hängen Einfluss und Auswirkung einzelner Diagnosen/Abklärungsberichte auf den weiteren Fallverlauf von der Auswahl und Umsetzung durch die Fallführung ab?
  • Wie sehr verändert sich die Möglichkeit der Einflussnahme auf die Ausgestaltung des weiteren Verlaufs im Übergang vom Platzierungs- zum Betreuungsprozess (durch die jungen Menschen, die Bezugssysteme, die Fachpersonen)? Oder auch nach der Austrittsphase?

  • Wenn eine Perspektive plötzlich mehr oder weniger wichtig wird: Geschieht das im besten Interesse des Kindes oder sind solche Wechsel vor allem strukturbedingt?

  • Dienen umfassende, interdisziplinäre Diagnosen und Abklärungsberichte einer möglichst grossen Absicherung der Entscheidung? Oder einer möglichst wahren Wahrheit? Oder dem Suchen und Finden einer möglichst geeigneten Hilfeleistung oder Intervention für den jungen Menschen?

  • (Wie) Können die Perspektiven aller Beteiligten konstant durch alle Prozessschritte hindurch miteinbezogen werden? Oder gibt es fachliche Gründe, weshalb das gar nicht anzustreben ist? siehe auch: Partizipation/Zusammenarbeit mit jungen Menschen

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