Partizipation

Bei Fremdplatzierungen versteht man unter Partizipation, die jungen Menschen und ihre Bezugssysteme in die sie betreffenden Entscheidungsprozesse miteinzubeziehen und sie daran zu beteiligen.

Partizipation Web

Damit das Recht der Betroffenen auf Mit- und Selbstbestimmung und persönliche Entfaltung eingelöst wird, müssen Platzierungs- und Betreuungsprozesse durch eine umfassende Kultur der Beteiligung und Mitbestimmung sowie durch strukturelle Möglichkeiten der Beteiligung geprägt sein. Die Wirkungsforschung zeigt auf: Je besser junge Menschen und ihr Bezugssystem beteiligt sind, desto wirksamer sind die Massnahmen als Ganzes.

Bedürfnisse und Massnahmen optimal aufeinander abstimmen

Es ist ein ethisches Grundprinzip und in der Sozialen Arbeit unbestritten, dass die jungen Menschen und ihr Bezugssystem stets die Möglichkeit haben, sich an den sie betreffenden Prozessen und Entscheidungen zu beteiligen. Es gilt als demokratisches Gut, dass möglichst jegliche Form von staatlicher Bevormundung zu vermeiden und die Persönlichkeitsrechte zu wahren sind.

Darüber hinaus besteht eine Grundbedingung pädagogischen Handelns darin, jedem einzelnen jungen Menschen Selbstwirksamkeit zu ermöglichen. Dazu braucht es geeignete Herausforderungen und Aneignungsmöglichkeiten, wozu unterschiedliche Formen und Grade der Partizipation notwendig sind.

Heute wird Partizipation immer stärker als ein zentraler Wirksamkeitsfaktor erkannt: Durch eine umfassende Partizipation der jungen Menschen und ihres Bezugssystems können ihre Bedürfnisse sowie die entsprechenden Massnahmen bestmöglich aufeinander bezogen werden. 

Rechtliche Bezugspunkte zur Partizipation ergeben sich z.B. unter anderem durch die UN-Kinderrechtskonvention oder die (daraus abgeleitete) Anhörungspflicht von Kindern im Verfahren vor der KESB. Dabei bestimmt die rechtliche Rahmung von Platzierungen bis zu einem gewissen Grad auch die partizipativen Möglichkeiten.

Eine partizipative Kultur entwickeln

Grundsätzlich geht Partizipation über einzelne Anstrengungen hinaus. Es geht darum, eine partizipative Kultur in den Pflegefamilien, Institutionen, Diensten und Behörden zu entwickeln. Diese soll darauf ausgerichtet sein, Entscheidungsprozesse zwischen den jungen Menschen und deren Bezugssystem sowie den Fachpersonen aktiv und gemeinsam zu gestalten. Beobachtungen aus der Praxis und empirische Studien deuten darauf hin, dass dieser Anspruch auf Partizipation nicht immer und überall eingelöst wird.

Zwar bedeutet Partizipation nicht, dass alle Wünsche der jungen Menschen oder ihres Bezugssystems umgesetzt werden. Doch bleibt es eine ständige Reflexionsaufgabe der Fachleute, mögliche Eingrenzungen von Partizipation kritisch zu hinterfragen.

Zur Veranschaulichung dessen, was unter Partizipation verstanden werden kann, orientieren wir uns am Stufenmodell nach Wright (2010) sowie der «Beteiligungsleiter» nach Storck (2012):


Quelle: Stork 2012, S. 55

Dem eigentlichen Platzierungsprozess ist die Abklärung und Bedarfseinschätzung vorgelagert. Hierbei ist die Partizipation der Kinder und ihrer Bezugssysteme zentral.

Im daran anschliessenden Platzierungsprozess steht die Reflexion der bis hierhin getätigten Diagnosen sowie die Suche nach einem geeigneten Platzierungsort im Vordergrund. Bei Reflexion sowie der Suche sind wann immer möglich die Betroffenen miteinzubeziehen. Vor allem aber bei der Auswahl des Platzierungsorts sind die jungen Menschen und ihr Bezugssystem intensiv zu beteiligen. Zum Beispiel sollten ihnen möglichst mehrere Optionen zur Auswahl und die Überlegungen dazu zur Verfügung stehen.

Die einzelnen Kinder und Jugendlichen müssen darüber hinaus befähigt werden, dass sie sich überhaupt an einer individuellen Entscheidung über ihren weiteren Lebensverlauf beteiligen können. Das heisst, sie müssen durch die Fachpersonen in die Lage versetzt werden, dass sie ihre Interessen, Wünsche und möglicherweise auch Befürchtungen und Ängste stets einbringen können. Daneben sind ihnen Zugänge zu Rekurs- und Beschwerdemöglichkeiten verständlich zu eröffnen (vergleiche Subthema Partizipative Organisationskultur).

Handlungsfähig werden

Generell lässt sich in pädagogischen Settings ein kaum auflösbares Spannungsfeld beobachten:  Zum einen besteht der Anspruch, die Selbst- und Mitbestimmung des jungen Menschen konsequent zu beachten. Zum anderen wird oft gleichzeitig die Notwendigkeit empfunden bzw. scheinbar sachliche notwendig, gegen den ausdrücklichen Willen desselben handeln zu müssen. Kernpunkt ist folglich nicht allein die Frage, wie Menschen beteiligt werden können, sondern wie es ihnen gelingt, handlungsfähig zu werden. Partizipation ist insofern ein Mittel zum Zweck.

Da Partizipation nur als Aneignungshandeln wirksam werden kann, braucht sie im Rahmen des Betreuungsprozesses offene Räume und Ressourcen für Selbstorganisationsprozesse.

Gegenseitiger Lernprozess

Partizipation ist als ein Lernprozess zu verstehen. Kinder und Jugendliche brauchen Zeit und Unterstützung, um zu lernen, sich eine eigene Meinung zu bilden und Rechte wahrnehmen zu können.

Ohne erwachsene Fachpersonen, die entsprechende Beteiligungsprozesse immer wieder vorbereiten, Themen und Fragen formulieren, abstrakte Inhalte konkretisieren und Entscheidungsverfahren steuern, kann Partizipation nicht gelingen.

Allerdings müssen umgekehrt auch die Fachpersonen lernbereit sein, um sich von den Fortschritten und Kompetenzen der Kinder und Jugendlichen anregen zu lassen und sich weiter zu entwickeln. Insofern kann Partizipation nur als gegenseitiger Lernprozess gelingen. Um als wirkungsvoller Hilfeprozess bestehen zu können, braucht es unabdingbar ein wechselseitiges Geben und Nehmen.

Bereitschaft zur Öffnung

Partizipation im Betreuungsprozess steht in gewisser Weise im Gegensatz zur Plan- und Machbarkeitsidee von pädagogischen Konzepten, die sich auf Diagnose und anschliessende Umsetzungsstrategien mit (professionell) eingespielten Instrumenten und Methoden abstützt.

Dahinter verbirgt sich oft die Vorstellung, die Helfer- und die Klientenrolle stark zu trennen. Ohne den Mut zum offenen Ausgang und damit auch zu einer Begegnung auf Augenhöhe lässt sich aber keine Partizipationskultur innerhalb eines Heims oder einer Pflegefamilie aufbauen. Es braucht die Bereitschaft zur Öffnung, zum Dialog und zur Begegnung. Ebenso braucht es die Fähigkeit und Bereitschaft, mit Nichtwissen umzugehen.

Sich herausfordern lassen

Um Partizipation als wirksames Instrument für Kinder- und Jugendliche erfahrbar und subjektiv relevant machen zu können, braucht es die Möglichkeit, sich emotional mit den Erziehungspersonen auseinanderzusetzen.

Lediglich gewährleistete oder gar verordnete Partizipation wird diesem Anspruch kaum gerecht. Eine tragfähige Anerkennung erfordert vielmehr die Bereitschaft, sich herausfordern zu lassen und dabei das Risiko in Kauf zu nehmen, dass persönliche Schwächen der Fachpersonen sichtbar werden. Der souveräne Umgang damit und die Bereitschaft, sich selbst auf einen Lernprozess einzulassen, bilden dabei einen zentralen Erfolgsfaktor.

Suche