AKTION "Beteiligung? Wie wir das sehen!"

Junge Menschen haben das Recht auf Partizipation an allen Fragen, die ihr Leben betreffen (UN-Kinderrechtskonvention [UN-KRK]). Auch fachlich gesehen sind konstante Beteiligungserfahrungen eine zwingende Voraussetzung für gelingende Entwicklung, persönliche Entfaltung und die Bereitschaft sich erziehen zu lassen. Für Kinder und Jugendliche, die in der stationären Kinder- und Jugendhilfe aufwachsen, gilt dies in besonderer Weise. Deshalb stehen heute im Unterschied zur häufig auf Disziplinierung ausgerichteten Vergangenheit Schutz, Förderung und Beteiligung der jungen Menschen im Zentrum der Heimerziehung (Bombach et al., 2020). Auch Studien bestätigen, dass dank umfassender Beteiligung der Kinder und Jugendlichen ihre Schutzbedürftigkeit und Bedarfslage besser verstanden, ihre Akzeptanz des Angebots erhöht sowie gemeinsame Ziele eher gefördert und erreicht werden können (Albus et al., 2010). Sie weisen aber auch darauf hin, dass Umsetzung von Beteiligung im Alltag der stationären Kinder- und Jugendhilfe immer noch vielen Herausforderungen begegnet (ten Brummelaar et al., 2018).

Diese Ausgangslage war Anlass zum Projekt „Wie wir das sehen" -  Die Sichtweise fremdplatzierter Kinder als Ausgangspunkt für Qualitätsentwicklung: Gemeinsam mit Kindern und Jugendlichen zwischen 9 und 16 Jahren aus drei Einrichtungen wurden zwölf Lebensbereiche erarbeitet, in denen ihnen Beteiligung besonders wichtig ist. Darauf aufbauend wurden im Zusammenspiel von Projektteam, Grafikerin und beteiligten Jugendlichen ein Poster sowie weitere Materialen gestaltet, dank welchen Beteiligung alltäglicher werden soll. Ziel dieser Broschüre ist es Erfahrungen, Sichtweisen und Wünsche der jungen Menschen, die hinter den Lebensbereichen und Materialien stehen, vor dem Hintergrund fachlicher Debatten zur Kinder- und Jugendhilfe weitergehend zu erörtern.

Mit der Aktion sind Fachpersonen aus Sozialer Arbeit und Heimerziehung sowie junge Menschen in stationären Angeboten der Kinder- und Jugendhilfe in gleicherweise angesprochen. Weiterhin richtet sie sich auch an Personen in Lehre und Beratung, in Fachverbänden, Personen die Sozialpolitik gestalten sowie an die interessierte Öffentlichkeit.

Der auffälligste Teil der Aktionsbox ist das Plakat, auf dem der Slogan Wie wir das sehen sowie zwölf Motivkacheln in unterschiedlichen Farben abgebildet sind. Die Kacheln stehen für Lebensbereiche, in denen Beteiligung für die jungen Menschen besonders wichtig ist. Jeder Lebensbereich wird mit einer Originalaussage von Jugendlichen sowie einer Illustration pointiert dargestellt. Daneben umfasst die Box auch Sticker mit weiteren Aussagen junger Menschen, die irritieren und zum Nachdenken über Beteiligung anregen sollen. Die Sticker sind wieder abnehmbar und somit mehrfach zu verwenden. Daneben sind Karten inbegriffen, die mit Leitfragen bedruckt sind und Platz zur individuellen Beschriftung bieten. Weiter gehört zur Box eine Fachbroschüre, mit der die Aktion und die zwölf Lebensbereiche in den wissenschaftlichen Erkenntniszusammenhang zur Kinder- und Jugendhilfe gestellt werden.

Mit der Aktionsbox können Fachpersonen, die Beteiligung in den Alltag tragen möchten, selbst aktiv werden. Das Plakat mit den zwölf Lebensbereichen sollte gut sichtbar aufgehängt werden. So bietet es immer wieder Ansatzpunkte für die Auseinandersetzung mit Beteiligungsanliegen im Alltag. Die Materialien bieten sich aber vor allem für Aus- und Weiterbildung, für Gruppenabende oder bspw. einen Heimrat an: Die klaren Aussagen aber auch die spielerischen Visualisierungen dienen als Anregungen zur Sensibilisierung für die Themen und Sichtweisen der jungen Menschen. Daneben kann das Verteilen der Sticker in einer Einrichtung spürbare Impulse setzen.

Die Aktionsbox ist in verschiedener Weise für die Implementation partizipativer Prozesse nutzbar. Vor allem die Karten eigenen sich sehr gut zur Sammlung von Feedbacks zur Beteiligungssituation in der jeweiligen Einrichtung, z.B. in Workshops. Die Karten können aber auch freizugänglich gemacht und anonym gesammelt werden. Die gesammelten Karten könnten an Sitzungen oder Gruppenabend angesehen werden oder als eine Art Beschwerdemöglichkeit dienen.

Daneben dient die Aktionsbox aber auch dazu einzelne Themen zu diskutieren, z.B. in dem eine der Kacheln genauer angesehen und interpretiert wird. Leitfragen zur Diskussion der Materialien sind:

  • Wie werden die Forderungen, die auf dem Plakat und den Stickern genannt sind, bewertet?
  • Gibt es Zustimmung, Unverständnis oder vielleicht andere Beteiligungsanliegen?
  • Wie kann Mitbestimmung verbessert werden, wo sind Grenzen?

Doch die Beschäftigung mit dem Thema Beteiligung – gerade im Austausch mit Kindern und Jugendlichen – ist an gewisse Voraussetzungen gebunden. Sie ist kein Selbstläufer und bedarf deshalb einer sorgsamen Vor- und Nachbereitung. Wer mit den Materialien arbeiten möchte und sich so auf die Perspektive der Kinder und Jugendlichen verstärkt einlässt, muss bedenken, dass für die jungen Menschen auch erkennbar sein muss, wie und wo dies zu konkreten Ergebnissen führen kann. Daher sollte die Arbeit mit der Aktionsbox in ein längerfristiges Konzept eingebettet sein (vgl. hierzu weiterführend das Thema Partizipation auf www.WiF.swiss). Insofern braucht es neben Offenheit und der Bereitschaft hinter die Wünsche und Anliegen der jungen Menschen zu schauen auch immer Klarheit darüber, was das Ziel einer Auseinandersetzung mit der Perspektive der jungen Menschen sein soll.

Die Lebensbereiche, deren Zitate und die Gestaltung aller Materialien sind gemeinsam mit engagierten Kindern und Jugendlichen aus drei Kinder- und Jugendheimen in der Schweiz im Rahmen eines weitergefassten Entwicklungs- und Forschungsprojekts entstanden. An der Entwicklung waren insgesamt 24 junge Menschen zwischen 9-16 Jahren beteiligt. In Workshops und einer gemeinsamen Jugendkonferenz wurden zwölf Lebensbereiche erarbeitet, in denen Kindern und Jugendlichen Beteiligung besonders wichtig ist. Zudem hatten die jungen Menschen in weiteren Zusammentreffen die Möglichkeit den Inhalt der Aktionsbox und Ideen zur Visualisierung einzubringen. Darauf aufbauend wurden die Materialen im Zusammenspiel von Projektteam, Grafikerin und beteiligten Jugendlichen entworfen.

Die Aktion ist Teil des Projekts «Wie wir das sehen» Die Sichtweise fremdplatzierter Kinder als Ausgangspunkt für Qualitätsentwicklung. Es wurde von Dr. Stefan Eberitzsch und Dr. Samuel Keller, Departement Soziale Arbeit der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW), initiiert und durch die Stiftung Mercator Schweiz gefördert. Die Projektkoordination und -ausarbeitung liegt bei Julia Rohrbach (ZHAW). Im Zeitraum 2019-2022 wird das Projekt in Kooperation mit dem Fachverband integras durchgeführt. Ziel ist die Erschließung von handlungsrelevanten Erkenntnissen über die Perspektive junger Menschen auf Partizipation im Heimkontext sowie deren Vermittlung und Sichtbarmachung. Informationen zu Projektschritten, Publikationen sowie der Einbeziehung von Kindern und Jugendlichen finden sich auf der über den QR-Code verlinkten Webseite.  

Koordination integras: Lorène Métral.

Grafikdesign: Ella Zickerick; beraten durch Prof. Jenny Baese, HTW Dresden, Fakultät Design.

Außerdem beteiligt: Robin Schobel (sozikultureller Animator).

Danksagung

Ein großer Dank geht an die beteiligten Jugendlichen der Heimeinrichtungen Compass Hubelmatt, Heime auf Berg und St. Benedikt sowie den dortigen Fachpersonen. Herzlichen Dank an die Stiftung Mercator Schweiz für die Förderung des Projekts.

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