Befähigung der Fachpersonen zu Partizipation

Partizipation Sub2

Erziehungshandeln ohne Einbezug der Betroffenen ist im Grunde gar nicht möglich. Insofern beanspruchen wohl alle Fachpersonen, partizipativ zu handeln – insofern das Ziel sich an den Leitbegriffen der Selbstverantwortung, Selbsttätigkeit und Selbstbestimmung orientiert. Worin bestehen nun aber die Herausforderungen an die Kompetenz der Fachpersonen in Bezug auf das konkrete Ermöglichen von Partizipation im Alltag der Fremdplatzierung? Eine Kernthematik dreht sich dabei zweifellos um die Frage von Macht und Rechten, da die pädagogischen Verhältnisse in jeder Institution von Machtstrukturen und rechtlich oder strukturell festgelegten Beziehungsformen geprägt sind. Nur wenn Partizipation daher als allseitiger, demokratischer Bildungsprozess von Kindern und Jugendlichen, Fachkräften, und Bezugspersonen verstanden wird, kann diese auch wirklich eingelöst werden. Partizipation beinhaltet dann einen gemeinsamen, ko-konstruktiven Gestaltungsprozess.

In Hinblick auf die Qualifikationsanforderungen der pädagogischen Fachpersonen unterscheidet Reingard Knauer (2012, S.82ff) die drei Kompetenzebenen „Wissen“, „Können“ und „Haltung“.

Zum Wissen gehören Kenntnisse über

  • rechtliche Aspekte von Partizipation wie Kinderrechte und die rechtliche Verankerung von Partizipation in der Einrichtung
  • konzeptionelle Anforderungen, wie sie schon von Korczak beschrieben und umgesetzt wurden (z.B. Kindergerichte zum Schutz der Schwächeren, Heimversammlungen, usw.)
  • die Bedeutung der pädagogischen Gestaltung von Erfahrungs- und Handlungsräumen im Alltag
  • Machtverhältnisse und den sensiblen Umgang mit Macht. Dazu (Selbst-)Reflexion über das eigene Machtverständnis und dessen Umsetzung im Erziehungshandeln: z.B. wie man mit Unklarheiten und ‚Störungen‘, überhaupt mit offenen Situationen partizipativ umgehen kann
  • den Zusammenhang von Partizipation und Demokratiebildung, da beides untrennbar zusammenhängt, soll Partizipation nicht als willkürlicher Akt gewährt werden, sondern mit echter Machtteilung und Verantwortungsübergabe verbunden sein
  • die möglichen Wirkungen von Partizipation auf den eigenen Bildungsprozess und das eigene Lernverständnis als Professionelle(r).

In Hinblick auf das Können sind folgende Kompetenzen der Fachpersonen zu nennen:

  • Sie müssen zunächst jene Situationen und Themenbereiche zu erkennen in der Lage sein, welche in Hinblick auf Mit- und Selbstbestimmung für Kinder- und Jugendliche von Bedeutung sind
  • Es braucht die Fähigkeit, demokratische Verfahren gemeinsam mit den Kindern und Jugendlichen entwickeln und gestalten zu können. Dazu gehört das Erarbeiten von Regeln, Entscheidungsstrukturen und -abläufen sowie deren Verankerung im Alltag.
  • Sie müssen über geeignete Dialog- und Kommunikationskompetenzen verfügen, die auch dann von Respekt und Achtung geprägt sind, wenn es zu Spannungen und Konflikten kommt. Dazu braucht es auch ganz konkrete Moderationsfähigkeiten, die Räume für Meinungsbildungs-, Klärungs- und Entscheidungsprozesse zu eröffnen. Kurz, sie müssen Partizipationsmethoden kennen und anwenden können.

Am Anspruchsvollsten ist es eine partizipative Haltung zu befördern. Einige Eckpunkte dazu beinhalten folgende Überlegungen:

  • Fachpersonen müssen Kinderrechte als grundlegenden Orientierungsrahmen sehen und nutzen. Dazu gehört insbesondere, dass jedem Kind und Jugendlichen vorbehaltlos Beteiligungsrechte zugestanden werden und diese in keiner Weise von seinem oder ihrem Wohlverhalten abhängig gemacht werden. Rechte müssen auch und gerade dann gelten, wenn sie unbequeme Entscheidungen beinhalten. Letztlich müssen die pädagogischen Fachpersonen dazu bereit sein, ein Höchstmass an Freiheit für die Schutzbefohlenen zu gewährleisten.
  • Die Selbst- und Mitentscheidungsrechte müssen sich auf das richtige und relevante Leben in der Einrichtung beziehen und die Überzeugung beinhalten, dass Kinder- und Jugendliche in der Lage sind als kompetente Individuen „ihre“ Eirichtung mitgestalten zu können.
  • Damit das gelingen kann, braucht es die Bereitschaft der Fachpersonen zur ernsthaften Auseinandersetzung und Kompromissgesinnung (Bernfeld) – was durchaus mit Konflikt und Streit verbunden sein kann und darf.
  • Echte Partizipation beinhaltet immer auch ein Stück reale Macht und damit auch Kontrolle abzugeben. Damit das auf eine nachhaltige Weise möglich ist, müssen die Erziehungspersonen auch über ihre Ängste und Befürchtungen untereinander offen reden können.

Um die genannten anspruchsvollen Kompetenzen erwerben zu können braucht es die Bereitschaft der Fachpersonen zur intensiven Auseinandersetzung mit der Thematik, praktische Erfahrung und konsequente (Selbst-)Reflexion. Ohne Unterstützung von aussen durch Beratung, Supervision und Teambildung ist dies kaum machbar.

Allgemeine Fragen zur Reflexion

  • Welche pragmatischen Vorwände gegen Partizipation (anstrengend, sinnlos, nicht möglich) werden vorgebracht?
  • Welche Argumente gegen Partizipation finden sich in meiner Institution (z.B. Kind ist noch zu jung (unterschätzen)?
  • Welche Hindernisse werden in Prozessen und Strukturen aufgebaut?
  • Kritische Reflexion des (impliziten) gesellschaftlichen Auftrags?
  • Bezugnahme zu den Stufen nach Wright: bis auf welche Ebenen ist Partizipation möglich?


Reflexionsfragen zur persönlichen Reflexion

  • Wie handle ich als Mitarbeiterin, als Mitarbeiter partizipativ?
  • Wo liegen meine Grenzen partizipativ zu handeln?
  • Wie befähige ich junge Menschen, ihre Familien und Bezugspersonen zur Partizipation?
  • Woran merke ich, dass ich partizipativ mit jungen Menschen, ihren Familien und Bezugspersonen umgehe?
  • Was würde mich dabei unterstützen, noch mehr in einer partizipativen Haltung zu agieren?
  • Wann und wo stösst man mit partizipativen Ideen an Grenzen?

Suche