Partizipative Organisationskulturen und Settings

Partizipation Sub6

Scheinbar treffen wir heute kaum auf ein Angebot der Kinder- und Jugendhilfe, das sich nicht dem Anspruch auf Partizipation verschrieben hätte. Allerdings kann man bei etwas genauerer Betrachtung Unterschiede in Bezug auf die formale Verankerung in der jeweiligen Organisation, die Geltungsbereiche und die Methoden von Partizipation feststellen.

Dem zugrunde liegt die Frage, was für eine Partizipationskultur in der Organisation gepflegt und strukturell gefördert wird.

Raingard Knauer  beschreibt Bedingungen für die erfolgreiche Einführung einer partizipativen Organisationskultur:

  • Partizipation braucht Praxiserfahrung in Partizipation. Es wäre eine Illusion zu meinen, man könne eine Partizipationskultur auf dem Reissbrett entwerfen und umsetzen. Vielmehr lässt sich nur herausfinden wie Partizipation wirkt, wenn man sie macht. Sie muss demokratisch eingeführt und praktisch erprobt werden. Dabei sind kleine, aber konsequente und sorgfältig eingeführte Schritte oft wertvoller als grosse und umfassende, aber einmalige Umsetzungsübungen. Wichtig ist vor allem, dass gelingende Partizipationserfahrungen gemacht werden können.
  • Partizipation braucht Partizipationskompetenzen, insbesondere im Bereich des Methodischen. Die Umsetzung von Partizipation ist auch eine Frage des Könnens. Gefragt sind neben Moderations- und Kommunikationskompetenzen, Kenntnisse über Abstimmungs- und Entscheidungsverfahren und -methoden sowie zu partizipativer Projektplanung. Es gilt auch, sich damit auseinanderzusetzen, wie man in einer Einrichtung zu Regelungen mit „Verfassungs- und Gesetzgebungsmodellen“ kommt. Hierzu gibt es heute schon eindrückliche Beispiele wie z.B. Kathrin Aghamiri und Rüdiger Hansen zeigen konnten (2012, S. 61-68).
  • Partizipation erfordert teils eine externe Begleitung, da erst der Blick von aussen den nötigen Abstand zum eigenen Alltagshandeln ermöglicht und die nötigen Fragen zu stellen erlaubt: Wo sollen die Kinder und Jugendlichen beteiligt werden? Wo wären noch andere Formen der Beteiligung möglich? Warum soll bei einigen Fragen Beteiligung nicht möglich sein, bei anderen aber schon? Auch wichtige Bedenken können geäussert und Bedenkenträger dadurch besser zu Wort kommen. Nicht zuletzt entlastet eine externe Begleitung von der methodischen Leitung.

Schon Siegfried Bernfeld und Janusz Korczak haben vor bald 100 Jahren die Bedeutung der strukturellen Absicherung von Beteiligung in sozialpädagogischen Institutionen in Form bspw. von Rechtsetzungsinstanzen hervorgehoben und selbst erprobt. Dabei ist es wichtig, dass sich auch die Fachpersonen für Regelverletzungen verantworten müssen.  

Partizipationsgremien strukturell zu verankern ist deshalb von Bedeutung, weil den jungen Menschen dadurch überhaupt bewusst werden kann, dass sie das Recht haben, Rechte zu äussern und auszuüben. Davon abzukoppeln sind der Anspruch und die Zielsetzung, neben den Rechten auch Verantwortung für den Partizipationsprozess und Verpflichtungen für gemeinsame Entscheidungen zu übernehmen. Letztere sind als Lernprozesse zu verstehen, die – wie alle Lernprozesse – mit Konflikten, Erfolgen und Enttäuschungen, Fortschritten und Rückschlägen verbunden sind.

Besonders zu beachten gilt es, von wem und wie die Regeln des Zusammenlebens in einer Institution festgelegt werden. Dahinter steht die grundlegende Frage nach dem jeweiligen Verständnis von Demokratie.

Namentlich ist zu klären, welche Befugnisse die jeweiligen Gremien haben, wer in den Gremien vertreten sein soll, wie die Vertretungen ausgewählt bzw. gewählt werden. Ebenso ist zu definieren, wann, wie lange, wie oft, wo getagt wird, wer die Sitzungen leitet, wie Traktanden und Tagesordnungen zustande kommen, wie die Ergebnisse festgehalten werden und wie der Transfer der Ergebnisse erfolgt. Verankert man Partizipation strukturell, bringt das mit sich, dass die Macht mit Kindern und Jugendlichen geteilt wird – ohne dabei die Verantwortung für den Erziehungsauftrag abzugeben

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