WiF-Zukunftslabor

Eine sehr zentrale Dimension der "Kooperation Akteure" besteht im Austausch der aktuellen Fachpraxis mit künftigen Fachpersonen, mit Studierenden der Sozialen Arbeit.
Im Rahmen eines 3-tägigen Seminars im Bachelorlehrgang der ZHAW Soziale Arbeit haben sich Studierende als künftige Fachpersonen mithilfe der Prozesse und Themen auf www.wif.swiss kritisch mit weiterführenden Frage- und Problemstellungen beschäftigt. Hierfür haben sie ausgehend von konkreten oder fiktiven Falldarstellungen aus der Praxis der Kinder- und Jugendhilfe den aktuellen Stand der Wissenslandschaft als Orientierung genutzt. Als Resultat dieser Dialoge sind Produkt in Form von Reflexionsfragen, Begriffsbestimmungen o.ä. entstanden, die weiteren Fachpersonen dabei helfen könnten, zur relevanten Themen oder Prozessen Orientierung zu finden, Haltungen zu reflektieren und Qualität weiterentwickeln.
Vielen Dank an die Studierenden für diese interessanten Anregungen!

«Transparenz in der Kinder- und Jugendhilfe» [Partizipation]

Auf der Seite www.wif.swiss gibt es einen Eintrag bezüglich Partizipation der Kinder und Jugendlichen, es wird jedoch nicht erwähnt, was das in Bezug auf Transparenz bedeutet. Daraus haben wir folgende Fragestellung entwickelt:

Welche Informationen müssen, dürfen oder sollen an die Adressat*innen weitergegeben werden?

Obwohl es ethische Grundlagen gibt, die dafürsprechen, dass Transparenz gegenüber den Kindern und Jugendlichen sowie deren Bezugssystemen wichtig ist, damit diese partizipieren können, muss im Einzelfall individuell entschieden werden, wie, mit wem und wann dies geschieht. Denn gewisse Information können schutzbedürftigen Betroffenen je nach Einbettung auch schaden.

Bedeutend ist es, im Einzelfall die ethischen Grundlagen abzuwägen und zu bedenken, was für Konsequenzen für die Betroffenen entstehen können. Meysen und Kelly (2017) bringen den Umgang mit Informationen mit nachfolgender Aussage auf den Punkt:

“Ethischer Einsatz für diejenigen, die Schutz und Unterstützung bedürfen, kann nicht mit einem Verstecken hinter Regeln und Vorschriften erarbeitet werden” (S. 51).

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Weiterführende Literatur:    

AvenirSocial. (2010). Berufskodex Soziale Arbeit Schweiz. Ein Argumentarium für die Praxis der Professionellen. Bern, Professionelle Soziale Arbeit Schweiz. Verfügbar unter: https://www.hilfswerkuri.ch/fi...

Conelli, G. P. & Mattei, R. (2017). Beziehungskontinuität ist die Grundlage des Engagements. #prison-info. Das Magazin zum Straf- und Massnahmenvollzug, (2), 22-27.

Günder, R. (2011). Praxis und Methoden der Heimerziehung. Entwicklungen, Veränderung und Perspektiven der stationären Erziehungshilfen. (4. Aufl.). Verfügbar unter: https://content-select.com/med...

Meysen, T. & Kelly, L. (2017). Grundlagen für ethische Praxis bei Interventionen im Kinderschutz. Forum Erziehungshilfen, 23 (1), 49-52.Meysen, T. & Kelly, L. (2017). Grundlagen für ethische Praxis bei Interventionen im "Kinderschutz. Forum Erziehungshilfen, 23 (1), 49-52.

«Vertrauensperson» [Prozesse/Zusammenarbeit mit jungen Menschen]

Im Bereich «Prozesse» auf www.wif.swiss gibt es noch keine Reflexionsfragen. Doch wären solche, bspw. im Zusammenhang mit einer dialogischen Rollenklärung der «Vertrauensperson» für junge Menschen in der Fremdplatzierung auch hier angebracht. Mögliche Reflexionsfragen in Bezug auf Vertrauensperson sind aus unserer Sicht im Bereich

Platzierungs- und Betreuungsprozess:

  • Ist die Installation einer Vertrauensperson im Platzierungsprozess im Rahmen der Mandatsführung integriert?
  • Wird die Vertrauenspersonen auch zu Standortgesprächen eingeladen?
  • ausdefinierte rechtliche Grundlage, auch in Bezug auf die Auftragserteilung durch die KESB an den Beistand resp. die Beiständin
  • Definition von Mitsprache- / Mitbestimmungsrecht vs. beratende Funktion

-          Wurde das Kind auf sein Recht, eine Vertrauensperson zu benennen, aufmerksam gemacht?

-          Wurde eine Vertrauensperson gemeinsam mit dem Kind festgelegt?

-          Findet regelmässiger Austausch zwischen der Vertrauensperson und dem professionelle Hilfesystem statt?

Reflexionsfragen zur Rollenklärung der Vertrauensperson

Aus unserer Sicht müssen folgende Punkte zur Klärung der Rolle der Vertrauensperson diskutiert werden:

-          Bestimmung der Vertrauensperson durch das Kind ohne Beeinflussung durch Erwachsene

-          Unabhängigkeit der Vertrauensperson (nicht Teil des professionellen Hilfesystems)

-          professionell vs. freiwillig (entlohnt oder unentgeltlich)

-          Definition von Aufgabenbereich, Kompetenzen und Verantwortung

Konkrete Auftragserteilung oder Benennung von Vertrauenspersonen können unserer Meinung nach erst nach einer erfolgreichen Klärung der offenen Punkte erfolgen. Somit wäre auch eine Grundlage dafür geschaffen, damit die rechtliche Verpflichtung aus Art. 1a Abs. 2 PAVO eingehalten werden kann.

 

Beitrag zum Stichwortverzeichnis auf www.wif.swiss

Vertrauensperson: Die Vertrauensperson versteht sich als Ansprechperson ausserhalb (oder auch innerhalb) des professionellen Hilfesystems. Sie stärkt die Position von jungen Menschen im Platzierungsprozess und steht ihnen bei Fragen und Belangen des Lebens zur Seite. Wenn immer möglich wird sie von den Kindern und Jugendlichen selbst gewählt.

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Weiterführende Literatur

Nowacki, K. & Remiorz, S. (2018). Bindung bei Pflegekindern: Bedeutung, Entwicklung und Förderung. Stuttgart: W. Kohlhammer Verlag.

Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde Bezirke Winterthur und Andelfingen. (2014). Richtlinie Erteilung einer Bewilligung zur Aufnahme eines Pflegekindes (Pflegeplatzbewilligung). Verfügbar unter: https://kesb-wa.ch/wp-content/...

Bärtschi, J. & Thomet, V. 2018. Systematische Ernennung einer Vertrauensperson für das platzierte Kind. Verfügbar unter: https://www.kokes.ch/applicati...

Rosch, D., Fountoulakis, C. & Heck, C. (Hrsg.). 2016. Handbuch Kindes- und Erwachsenenschutz. Recht und Methodik für Fachleute. Bern: Haupt Verlag. S. 437.

Seiterle, N. (2018). Schlussbericht Bestandsaufnahme Pflegekinder und Heimkinder Schweiz 2015-2017. Zürich: Pach (Pflege- und Adoptivkinder Schweiz) und Integras (Fachverband Sozial- und Sonderpädagogik).

SODK & Kokes. (2019). Empfehlungen der Konferenz der kantonalen Sozialdirektorinnen und Sozialdirektoren (SODK) und der Konferenz für Kinder- und Erwachsenenschutz (Kokes) zur ausserfamiliären Platzierung (Unveröffentlichtes Dokument). Bern: SODK

«Systemsprenger - wer sprengt welches System?» [Diagnostik & Abklärung/Partizipation]

Aufgrund unseres eingebetteten Fachinputs bezüglich einer Falldiskussion kommen wir zu folgenden Reflexionsfragen, die als Anregung dienen sollen, um eine fach- und adressatengerechte Haltung im Zusammenhang mit den sogenannten «Systemsprenger*innen» zu festigen.

  • Welche Möglichkeiten gibt es, um einer Situationszuspitzung bei “Systemsprengern” entgegenzuwirken?
  • Inwieweit bedenken Fachpersonen im Kindsschutzwesen, was vorherige Massnahmen für Konsequenzen mit sich brachten, warum dies der Fall war und inwieweit das für die weitere Planung eine Rolle spielt?
  • Inwieweit müssen wir zu Hermann Nohl’s (1933) Grundformel „Nicht die Probleme, die der Jugendliche macht, sondern die die er hat, haben die Sozialpädagogik zu interessieren“, zurückkehren
  • Soll man den Fokus vor allem auf die Kinder und Jugendlichen legen oder sollte vermehrt auch mit dem Herkunftssystem zusammengearbeitet werden
  • Beim Begriff “Systemsprenger” liegt der der Fokus auf dem Kind, welches in kein System passt. Inwiefern sind diese Zuschreibung und Defizitorientierung gerechtfertigt? Inwiefern zielführend angesichts des Auftrags der Sozialpädagogik
  • Inwiefern könnte eine erzwungene Platzierung nicht sogar die Wut, das Abgrenzungsverhalten, den Widerstand und das sogenannte Devianzverhalten etc. des Jugendlichen verstärken? Was könnte diese Konsequenzen abschwächen?
  • Könnten unvorhersehbare Bezugspersonenwechsel in dieser heiklen Entwicklungsphase des Kindes kontraproduktiv sein?
  • Wie kann man die Eltern vermehrt in die Verantwortung miteinbeziehen und dennoch unterstützen und stärken?

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Weiterführende Literatur

Blülle, S. (1996). Ausserfamiliäre Plazierung. Zürich: Schweizerischer Fachverband für Sozial- und Heilpädagogik.

Böhnisch L. & Schröer W. (2015). Devianz als Bewältigungsverhalten. In B. Dollinger & N. Oelkers, (Hrsg.) Sozialpädagogische Perspektiven auf Devianz (S.121-135). Weinheim und Basel: Juventa Verlag GmbH.

Bohnstengel, L. (2009). Kinder und Jugendliche mit Traumasymptomatik als Heraus-forderung für die Inobhutnahme. In G. Lewis, R. Riehm, A. Neumann-Witt, L. Bohnstengel, S. Köstler & G. Hensen (Hrsg.), Inobhutnahme konkret (S. 153-169). Regensburg: Walhalla Fachverlag.

Integras Fachverband Sozial- und Sonderpädagogik, & ZHAW Soziale Arbeit. (o. J.). Wissenslandschaft Fremdplatzierung. Zugriff am 24. Oktober 2019. Verfügbar unter: https://www.wif.swiss/prozesse...

Integras Fachverband Sozial- und Sonderpädagogik (2009). Die Platzierung von Kin-dern und Jugendlichen in sozial- und sonderpädagogisch Einrichtungen. Zü-rich: o.A.

Krause, H. U. (2019). Beteiligung als umfassende Kultur in den Organisationen der Hilfen zur Erziehung: Haltungen - Methoden - Strukturen. Regensburg: Interna-tionale Gesellschaft für erzieherische Hilfen (IGFH-Sektion Bundesrepublik Deutschland der Fédération Internationale des Communautés Educatives e.V.).

Müller B. & Schwabe M. (2009). Pädagogik mit schwierigen Jugendlichen: Ethnogra-fische Erkundungen zur Einführung in die Hilfen zur Erziehung. Weinheim und München: Juventa Verlag.

Nohl, H. (1933): Die Theorie der Bildung. In: H. Nohl & L. Pallat, (Hrsg.), Handbuch der Pädagogik. Bd. 1 (S. 3-80). Langensalza: Beltz. 

Geschwister in Fremdplatzierung: Reflexionsfragen [Kooperation der Akteure/Partizipation]

Immer wieder kommt es zu herausfordernden Situationen und anspruchsvollen Entscheidungen, wenn es um Geschwister in der Fremdplatzierung geht. Dabei können folgende Reflexionsfragen erkenntnis- oder entscheidungsleitend sein:

  • Wie wird das Kindswohl definiert?
  • Gibt es von der Organisation (in diesem Fall KESB) ein Kompetenztraining für Fachpersonen, um ein professionelles Handeln zu fördern?
  • Was sind die verschiedenen Platzierungsschritte bei Geschwistern?
  • Woran merke ich, dass eine gemeinsame Platzierung angezeigt ist?
  • Woran erkennt man, dass eine gemeinsame Platzierung nicht sinnvoll ist?
  • Wobei könnte man bei der Platzierung von Geschwistern an Grenzen stossen?
  • Können die Geschwister ihre eigenen Vorschläge zur Platzierung einbringen?
  • Inwieweit sollen die Anliegen der Geschwister in den Platzierungsprozess miteinbezogen werden?
  • Sind die Möglichkeiten, sich im Platzierungsprozess zu beteiligen an das jeweilige Alter angepasst?
  • In welcher Sprache (einfache Erklärung) soll mit den Geschwistern gesprochen werden? Ist diese genügend verständlich?
  • Inwiefern kann die Geschlechterkonstellation und/oder das Alter eine Herausforderung bei der Platzierung von Geschwistern darstellen?
  • Wie können Erkenntnisse von Platzierungsprozessen von Geschwistern gesammelt werden?
  • Welche Herausforderungen ergeben sich für die Fachpersonen im Platzierungsprozess von Geschwistern?

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Weiterführende Literatur:    

Brück, N. (2018) Geschwisterbeziehungen und Freundschaften. Kindliche Beziehungen als Entwicklungskontexte für Moral. Wiesbaden: Springer VS.

Heiner, M. & Walter, S. (2010). Geschwisterbeziehungen in der ausserfamilialen Unterbringung. Erkenntnislage und Entwicklungsbedarf. München: SOS Kinderdorf Sozialpädagogisches Institut.

Quality4Children. (o.D.). Quality4Children Standards in der ausserfamiliären Betreuung in Europa. Verfügbar unter: http://www.quality4children.ch...

Verein Espoir (2018). Geschwisterplatzierung getrennt oder gemeinsam? Verfügbar unter: https://www.vereinespoir.ch/fi...

Verantwortungen bei der Fallführung - ein Checklistenentwurf [Kooperation der Akteure/Partizipation]

Die folgende Checkliste, die an unser Fallbeispiel angelehnt ist, soll als Orientierungshilfe in der Fallführung und Fallbegleitung dienen, so dass Zuständigkeiten fortlaufend neu präzisiert und reflektiert werden. Dies soll zu einer verbesserten Kooperation und Kommunikation der involvierten Akteure beitragen. Die Checkliste ist keinesfalls abschliessend und muss auf einzelne Fallbeispiele erweitert und angepasst werden:

Institution

  • Die Erwartungen seitens Beistand sind geklärt.
  • Überprüft ob das Setting passt.
  • Gewährleistung von adäquaten Arbeitsbedingungen (Sicherheitsdispositiv, Betreuungsschlüssel, Ressourcen etc.)
  • Qualitätssicherung (qualifiziertes Personal)
  • Wirkungsevaluation: Wird der institutionelle Auftrag erfüllt?

Bezugsperson

  • Der individuelle Auftrag ist bekannt.
  • Bedürfnisorientierte Betreuung wird geleistet.
  • Individuelle zielorientierte Förderung ist gewährleistet.
  • Es besteht (den Möglichkeiten entsprechend) ein persönlicher Verkehr mit dem familiären Umfeld.
  • Informationspflicht zu Institution sowie Beistand ist gewährleistet.
  • Ist die momentane Betreuungssituation mit berufsethischen Normen und Werten vereinbar?

Beistandschaft

  • Der Auftrag mit der Institution ist geklärt.
  • Bedürfnisorientierte Betreuung wird eingefordert und kontrolliert.
  • Die Finanzierung ist gewährleistet.
  • Weitere in der Erziehung und Betreuung involvierte Personen (z.B. familiäres Umfeld) werden eingebunden.
  • Es werden Unterstützungs- und Organisationshilfen für die Eltern vermittelt.
  • Die Eltern werden zureichend gestärkt und in ihren Ressourcen unterstützt.
  • Es besteht Kontakt zum betroffenen Kind (Überblick über die Situation, Wünsche und Bedürfnisse des Kindes verschaffen und Entwicklung begleiten).
  • Der persönliche Verkehr ist geregelt.
  • Zukunftsperspektiven werden verfolgt und zielorientiert umgesetzt.
  • Wird das Mitspracherecht des Kindes berücksichtigt?

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Weiterführende Literatur

Ackermann, T. & Robin, P. (2018). Partizipation, Akteure und Entscheidungen im

Kinderschutz – Wie lassen sich hilfreiche Prozesse zwischen allen Beteiligten gestalten? In

M. Böwer & J. Kotthaus (Hrsg.), Praxisbuch Kinderschutz (S. 189-206). Weinheim Basel:

Beltz Juventa.

Integras Fachverband Sozial- und Sonderpädagogik & Zürcher Hochschule für Angewandte

Wissenschaften ZHAW Soziale Arbeit (Hrsg.). (o.D.). Betreuungsprozess. Verfügbar unter:

https://www.wif.swiss/prozesse...

Müller, B. (2017). Sozialpädagogisches Können: Ein Lehrbuch zur multiperspektivischen

Fallarbeit (8. Aufl.). Freiburg im Breisgau: Lambertus-Verlag.

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